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Die Dohle - Vogel des Jahres 2012

Steckbrief

Die kontaktfreudige Dohle ist meist in Gruppen oder mit ihrem Partner unterwegs. Auf Nahrungssuche oder auf ein lautstarkes „Schwätzchen“ vor dem Schlafengehen schließt sie sich gern Saat- oder Rabenkrähen an. Unter ihnen fällt sie vor allem durch ihre geringere Größe auf, denn Dohlen sind die kleinsten Vertreter der Rabenvögel mit schwarzem Federkleid.

Aussehen:

Der Gattungsname Corvus ist seit einigen Jahren passé, heute heißt die Dohle „Coloeus monedula“. Genetische Untersuchungen ergaben, dass sie weniger eng mit den Corvus-Arten wie Krähen und dem Kolkraben verwandt ist als lange angenommen. Nun trägt die Dohle wieder den eigenen Gattungsnamen Coloeus. Er ist Vogelkundlern noch ein Begriff aus alten Bestimmungsbüchern und leitet sich von dem griechischen Wort für „gestutzt“ ab, was sich auf den kurzen Schnabel bezieht. Weil ihr schwarzes Gefieder mit der grauen "Kapuze“ der Kleidung von Dorfpriestern ähnelte, erhielt die Dohle den Beinamen monedula, das „Mönchlein“.

Aus der Ferne betrachtet trägt die etwa taubengroße Dohle Schwarz. Beim näheren Hinsehen reflektiert ihr Federkleid die Sonnenstrahlen in schillernden Farben. Hinterkopf, Nacken und Ohrdecken sind silbergrau gefärbt. Mit ihrem kurzen Schnabel und Schwanz wirkt die aufrechte Gestalt der Dohle klein und kompakt. Ihre hellblauen bis weißen Augen stechen besonders hervor. Das Federkleid der Jungvögel ist leicht bräunlich.

Stimme:

Dohlen sind Singvögel und besitzen ein vielseitiges Lautrepertoire. Neben dem markanten „kja“ oder „kjak“, „schack“ oder „kjöck“ (auch gedehnt „kjarrr“ oder „kji“), dem Stimmfühlungsruf „jüb-jüb“ und einem heiseren Warnruf verständigen sich die Vögel je nach Stimmungslage mit vielen weiteren Lauten. Vom Männchen ist oft ein leiser, schwätzender Gesang zu hören, wenn es das brütende Weibchen beruhigt. In England und Frankreich machte man sogar ihren Ruf zum Namen: Sowohl der englische (Jackdaw) als auch der französische (Choucas des tours) Artname haben einen lautmalerischen Ursprung. Besonders eindrucksvoll ist der vielstimmige Chor größerer Dohlentrupps, wenn sie über die Dächer streichen oder an gemeinsamen Schlafplätzen eintreffen. Im Laufe ihres Lebens erlernen Dohlen auch neue Töne, mit welchen sie andere Tierarten oder Artgenossen täuschen können.

Verbreitung:

Die Dohle ist weit verbreitet. Ausgenommen in Island und im Norden Skandinaviens und Russlands ist sie in ganz Europa heimisch. Ihr Brutgebiet beginnt schon in Marokko und Tunesien. Im Osten endet ihr Verbreitungsgebiet in Zentralasien und der Mongolei. Hierzulande fühlt sich die Dohle vor allem in tieferen Lagen wohl. Die höchsten Brutplätze liegen in 900 bis 1000 Metern auf der Schwäbischen Alb, im Schwarzwald und im Allgäu. Ein Großteil der heimischen Dohlen sind Standvögel. Auch Artgenossen aus Nord- und Osteuropa halten sich im Winter bei uns auf. Einige, überwiegend Jungvögel, ziehen es jedoch vor die kalte Jahreszeit am Mittelmeer zu verbringen und fliegen bis nach Südfrankreich.

Ursprünglich ist die Dohle ein Steppenvogel. Auch heute sucht sie ihre Nahrung am liebsten in niedriger und lückiger Vegetation. Wann ein Teil der Dohlen in unsere Siedlungen gezogen ist, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Als Höhlenbrüter nisten sie besonders gern in Gebäudenischen und Mauerlöchern, Kirchtürmen, Dachstühlen und Schornsteinen. In Städten und Dörfern leben zahlenmäßig die meisten der Vögel.

Lebensweise:

Meist suchen sich Dohlen ihre Nahrung am Boden, weshalb sie gerne auf Äckern und Wiesen mit niedriger Vegetation oder in städtischen Grünanlagen umher spazieren. Als Allesfresser lassen sie sich Würmer, Käfer, Spinnen, Schnecken, Fallobst, Samen und Getreidekörner, Mäuse, Frösche, gestrandete Fische und menschliche Abfälle schmecken. Zur Aufzucht der Jungvögel sind proteinreiche Insekten besonders wichtig.

Die Dohle spielt mit dem Wind. Sie nutzt Aufwinde, Luftwirbel und -ströme für ihre Flugshow. Hier geht es nicht ums Überleben, sondern offenbar um den Spaß. Körperbeherrschung beweist die Dohle auch bei der Auswahl ihrer Brutplätze. Sie klettert mühelos an senkrechten Wänden oder in engen Schächten und stützt sich geschickt mit Flügeln oder Schwanz ab. Am Boden schreitet die Dohle würdevoll daher oder hüpft ein- oder zweibeinig vorwärts („Hupfdohle“).

Sozialleben:

Das Dohlenmännchen muss ganz ohne bunte Federn oder besondere Stimmwerkzeuge seine Angebetete davon überzeugen, dass er der Mann fürs Leben ist. Also versucht er zu imponieren: mit hoch aufgerichtetem Kopf, gestrecktem Nacken und stolzem Gang. Wenn sie zusieht, sucht er gar Reibereien mit der Konkurrenz. Das Weibchen gibt sich unbeeindruckt und schaut weg. Sekundenschnelle Seitenblicke verraten ihr Interesse dennoch. Dann gibt sie ihm doch ihr „Jawort“, duckt sich vor dem Männchen und zittert mit Flügeln und Schwanz: ein Ritual, das sie noch oft zur Begrüßung ihres Liebsten wiederholen wird.

Bereits im ersten Lebensjahr „verlobt“ sich das Dohlenpaar. Selten mehr als einen Meter voneinander getrennt erledigen sie nun das Tagesgeschäft. Stolz schreiten sie nebeneinander her oder schrauben sich im Synchronflug durch die Lüfte. In dieser Partnerschaft kommt keiner zu kurz. Das Weibchen krault seinem Partner die Nackenfedern, das Männchen füttert seine Geliebte mit Leckerbissen. Gemeinsam erkämpft sich das Dohlenpaar eine Brutnische und verteidigt sie gegen Konkurrenten. Dohlen sind sich ihr Leben lang treu.

Bestandssituation:

Mit der Dohle ging es in Deutschland schon auf und ab. Im 20. Jahrhundert konnte sich die Art mehrfach ausbreiten, denn nach den Weltkriegen gab es zahlreiche Nistplätze. Seit den 1960er Jahren hat sich dies geändert. Viele Gebäude wurden in den vergangenen Jahrzehnten renoviert oder isoliert. Um Straßentauben fernzuhalten, verschloss man Brutnischen, Kamine und Kirchtürme. Dadurch finden auch Dohlen immer seltener geeignete Nistgelegenheiten.

Ebenso stark hat sich das Umland der Städte verändert. An den Stadträndern müssen Wiesen und Weiden Baumärkten und Parkplätzen weichen. Immer mehr Feldfluren werden für die konventionelle Landwirtschaft „bereinigt“ und verlieren ihre artenreichen Gehölze, Hecken und Feldraine. Monotone Raps- und Maisfelder verdrängen als Energiepflanzen traditionelles Weideland. Wertvolle Brachen verschwinden im Zuge von Agrarreformen. Zusätzlich verringern Pestizide, Beizmittel und Insektizide das Nahrungsangebot dramatisch. In einer solchen Umgebung hat die Dohle keine Überlebenschance.

Quelle: http://www.nabu.de