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Der Rotmilan - Vogel des Jahres 2000

Steckbrief

Der Rotmilan (Milvus milvus) ist Vogel des Jahres 2000. Er gehört zur Familie der Habichtartigen (Bussarde, Weihen, Adler, Altweltgeier). Als nach den Adlern "stattlichste und eindrucksvollste Erscheinung unter den heimischen Raubvögeln" beschrieb Otto Kleinschmidt vor mehr als 40 Jahren diesen Vogel, der auch heute noch die Menschen fasziniert. Wir tragen für den Rotmilan eine besondere Verantwortung, denn sein Vorkommen ist fast ausschließlich auf Europa beschränkt, allein Deutschland beherbergt 60 % der Weltpopulation, und in einigen Gebieten gehen die Bestände dramatisch zurück. Die Lebenssituation des Rotmilans steht stellvertretend für die vieler Greifvögel. Wenn es gelingt, den Rückgang des Rotmilans aufzuhalten, dann ist nicht nur ihm, sondern auch vielen seiner Artgenossen geholfen. Auch beim Rotmilan liegt der Schlüssel zur seiner Erhaltung in der Art der Landnutzung. 

Mit der Ausräumung der Landschaft und Intensivierung der Landnutzung verringert sich sein Nahrungsangebot. Der Einsatz für eine reich strukturierte Kulturlandschaft ist daher die beste Grundlage zum Erhalt dieser Art. Durch seinen langen, tief gegabelten, rosaroten Schwanz läßt sich der Rotmilan im Flug sehr leicht erkennen - dieses Merkmal hat ihm den volkstümlichen Namen "Gabelweihe" eingebracht. Er kann höchstens mit dem Schwarzmilan verwechselt werden, jedoch ist dieser insgesamt dunkler gefärbt, etwas kleiner und hat einen weniger tief gegabelten, graubrauen Schwanz. Der Rotmilan hat eine Länge von ca. 65 cm und ist damit größer als der Mäusebussard. Seine Flügelspannweite kann bis zu 1,80 Meter betragen. 

Weibchen sind etwas größer und vor allem schwerer (930 zu 1140 Gramm). Das Gefiederkleid ist bräunlich, der Kopf weißlich bis grau. Jungvögel sind von Altvögeln nicht leicht zu unterscheiden. Sie sind insgesamt etwas brauner, der Schwanz ist rosabraun statt rostrot und der Kopf etwas dunkler.

Rotmilane sind wenig ruffreudig. Ihre Stimme hört man vor allem in der Nähe des Brutplatzes und im Frühjahr während der Balz. Der Ruf ist ein schrilles, langgezogenes Trillern "wiuwiuwiu-wiiiuuuu", welches fast melancholisch klingt.

Wie und wo lebt der Rotmilan

Der Rotmilan ist ein Bewohner der Kulturlandschaft. Er fehlt in großen geschlossenen Wäldern, da er die offene Landschaft zum Jagen braucht. Von der zu Beginn des 18. Jahrhunderts einsetzenden Jagd auf Greifvögel blieb der Rotmilan nicht verschont. Bald schon galt er als scheuer Waldbewohner, der nur zum Nahrungserwerb aus diesem hervorkam - immer auf der Hut vor Jägern. Erst seit wenigen Jahrzehnten brütet er auch wieder außerhalb von Wäldern, in Baumgruppen oder -reihen, auch direkt am Rande von Ortschaften. 

Im Wald bevorzugt er lichte Altholzbestände am Waldrand oder an Rändern zu Lichtungen und größeren Waldwiesen. Gern horstet er auch direkt an bewaldeten Hängen - dort kann er die Thermik für seinen Segelflug gut ausnutzen. Sein Nahrungsgebiet umfaßt freie, landwirtschaftlich genutzte Flächen, Gewässer, Ortschaften mit Mülldeponien und Landstraßen. Besonders reichhaltig ist für den Rotmilan bewirtschaftetes Grünland: Wiesen, die kurz zuvor landwirtschaftlich genutzt wurden (Mahd, Heuernte), bieten ihm immer reiche Beute.

In den neuen Bundesländern leben auf 30 % der Fläche der BRD fast 70 % aller Rotmilane Deutschlands. Er fehlt völlig im nordwestdeutschen Flachland und im Südosten von Deutschland, ebenfalls ist er in Höhenlagen über 800 Meter sehr selten. Anders als beispielsweise der Mäusebussard, der von einem Ansitz aus jagt, erspäht der Rotmilan seine Beute aus der Luft. Er überfliegt die offene Kulturlandschaft einschl. der Dörfer und Städte, um Nahrung zu finden. Zu seinen Nahrungsquellen zählen Schlachtabfälle, tote Tiere, Feldmäuse und als Hauptbeutetier der Feldhamster. Mit einem Gewicht von 300 bis 500 Gramm ist ein Feldhamster eine attraktive Beute für den Rotmilan. Um auf die gleiche Futtermenge zu kommen, müßte er etwa 15 Feldmäuse erjagen und mit jeder einzeln zum Horst zurückfliegen. Jedoch droht der Feldhamster von unseren Feldern bedingt durch den Einsatz von Chemikalien und des fortwährenden Verlustes hochwertiger Böden durch die Ausweisung in Gewerbe- und Wohngebiete ganz zu verschwinden.

Ab Ende März kann man die eindrucksvollen Balzspiele des Rotmilans beobachten. Beide Partner fliegen dabei gemeinsam in beachtliche Höhen, um dann in einer Art Sturzflug wieder bis dicht über die Baumwipfel hinunter zu stoßen. Die Paare, die häufig über Jahre zusammen bleiben, bauen sich gerne Horste aus, die aus den Vorjahren vorhanden sind oder die von anderen Arten stammen (Mäusebussard, Schwarzmilan). Anfang April legt das Weibchen zwei bis drei, manchmal auch vier Eier. Der Legeabstand zwischen den einzelnen Eiern beträgt zwei bis drei Tage. Nur für kurze Pausen wird das Weibchen beim Brüten vom Männchen abgelöst. Durchschnittlich 33 Tage muß jedes Ei bebrütet werden. 6 bis 8 Wochen verbringen die Jungvögel im Horst. Anfangs nehmen die Altvögel sie noch regelmäßig schützend unter die Flügel und füttern sie, später bringen die Eltern die Nahrung nur noch zum Nest und die jungen Rotmilane zerteilen sie selbständig. Im Alter von ca. drei Wochen beginnen die Jungvögel mit ihren Flugübungen. Nach ca. sechs Wochen verlassen sie den Horst und sitzen auf den umliegenden Ästen. Zur Fütterung und zum Schlafen kehren sie zum Horst zurück. Schließlich verlassen sie ihn endgültig und fliegen aus.

Überwinterung und Zug:

Der Rotmilan zieht im Herbst Richtung Südwesten. Seine üblichen Winterquartiere liegen in Spanien, Portugal und Frankreich, vereinzelt auch in Nordafrika. Seit einigen Jahrzehnten überwintern Rotmilane zunehmend in unseren Breiten. Entscheidend hierfür ist, daß ausreichend Nahrung im Winter verfügbar ist. Hierzu kann der Aasfresser auf Mülldeponien zurückgreifen, wo für Nachschub stets gesorgt ist. In den Überwinterungsgebieten setzt er sich der Jagd auf Greifvögel aus. In den 60er Jahren stammten Jahr für Jahr bis zu 80 % der Wiederfunde beringter Rotmilane von geschossenen Vögeln (Spanien, Frankreich). Heute werden nur noch selten geschossene und beringte Greifvögel gemeldet. Die Dunkelziffer ist nach wie vor sehr hoch.

Gefährdung und Schutz:

Während der Rotmilan in der Schweiz, Österreich und Polen erfreulich an Bestand zugenommen hat, sanken seine Bestände in Deutschland in den neuen Bundesländern, also dort, wo er am häufigsten zu finden ist, bedrohlich. Diese negative Entwicklung läßt sich eindeutig auf Änderungen der landwirtschaftliche Anbauweise zurückführen. Felder, auf denen Futterpflanzen angebaut werden, stellen für den Rotmilan ideale Nahrungsgebiete dar. Doch beispielsweise Luzernefelder, die in der ehem. DDR bis 1989 noch einen erheblichen Anteil der Ackerfläche ausmachten, gibt es heute kaum noch. Der Anbau dieses Futtermittels lohnt sich für den Landwirt nicht mehr. Auch die Vielfalt an Anbaukulturen hat in den neuen Bundesländern schlagartig abgenommen. Heute wird, begünstigt durch die EU, beispielsweise verstärkt Raps angebaut. Rapsfelder sind extrem mit Chemikalien belastet und wachsen so schnell in die Höhe, daß Greifvögel darin keine Beute schlagen können. 

Auch Mülldeponien werden relativ rasch zugeschoben, daß dem Rotmilan keine Nahrungsaufnahme möglich ist. Bedingt durch diese Entwicklungen nahm seit 1991 die Reproduktion der Art sehr stark ab. Die Nahrung reichte noch für die Altvögel, aber nicht mehr für die Jungvögel. Folge: von 1994 bis 1996 sank der Brutbestand in den neuen Bundesländern um ca. 25 %. Weitere Gefahren für den Rotmilan stellen die illegale Jagd auf Greifvögel (auch in Deutschland) und Stromtrassen, insbesondere an Hoch- und Mittelspannungsfreileitungen dar. Wie bei vielen Arten ist auch beim Rotmilan eine abwechslungs- und strukturreiche Kulturlandschaft die beste Grundlage für seine Erhaltung.  Hierzu tragen der Erhalt traditioneller Bewirtschaftungsformen, die Reduktion des Einsatzes von Pestiziden und mineralischen Düngemitteln, die Förderung des ökologischen Landbaus, der Verzicht auf Entwässerungen, der Erhalt von Landschaftsstrukturen (Feldgehölze, Baumreihen) und die Schaffung weicher Übergänge zwischen landwirtschaftlich  genutzter Fläche und Wald bei. Nur eine flächendeckende Ökologisierung der Landbewirtschaftung kann die gewachsene Artenvielfalt erhalten oder wiederherstellen. Greifvögel wie der Rotmilan stehen am Ende der Nahrungskette und werden deshalb durch die Anreicherung von Giftstoffen in den Beutetieren besonders belastet.

Quelle: http://www.nabu.de